Zeitkritik: Woran wir arbeiten müssen und was wichtig ist

Zeitkritik: Woran wir arbeiten müssen und was wichtig ist

Seit den 1970er Jahren findet in der sogenannten „Westlichen Welt“ eine Neuorientierung der politischen und gesellschaftlichen Grundlagen statt. Aus dem festgefügten kulturellen und überlieferten Weltverständnis wurde ein fortschreitender Reformprozess eingeleitet, der sich in Richtung einer Umerziehung der Menschen zu sanftmütigen, friedlichen, kommunikativen und toleranten Umgang mit sich selbst und anderen einschließlich der nicht-menschlichen Mitbewohnern unseres Planeten führen sollte. Heute müssten wir uns erneut klarmachen, um welche Eigenschaften es dabei ging und wie erfolgreich dieser Umschwung bisher gelaufen ist. Um das Ergebnis schon mal plakativ herauszustellen, muss jeder informierte Mitbewohner heute zum Schluss kommen, das dies alles ganz anders gelaufen ist wie angenommen und das sich der westliche Mensch mit seiner Prophezeiung doch ziemlich weit daneben lag.

Plakativ betrachtet befindet sich ein relativ großer Teil der Menschheit wieder in Kriegen wieder, der erhoffte weltweite Wohlstand samt Glücksversprechen ist ausgeblieben und auch die wenigen vielversprechenden Ansätze zu mitmenschlichem Verhalten scheinen immerzu wieder in Krisen zu geraten, bei denen scheinbar kein Ausweg vorgesehen ist. Nun habe ich diese Krisen schon oft erwähnt und beschrieben, aber es ist kaum gelungen, einen Ausweg aufzuzeigen, da sich meiner Meinung nach die Welt an einem nie dagewesenen Punkt befindet und sowohl Rückschauen als auch Visionen zu dem jeweiligen Themenkomplex nicht zu Lösung führen können. Eine neue Situation ist eben noch nie dagewesen und darum gibt es kein Konzept in der Vergangenheit. Und da die Welt sehr unüberschaubar und kompliziert zu werden scheint, ist eine einfache Vision der Form „Wenn A…, dann B“ nicht mehr möglich. Wenn wir zurückblicken, haben alle Reformversuche der letzten Jahre und Jahrzehnte fast immer zu einer Verschlechterung geführt. Ich denke, irgendwann muss eine Einsicht darüber entstehen, das solche oberflächlichen Rettungsversuche, wie sie bisher unternommen wurden, sich wie der Versuch darstellen, ein morsches Holzhaus mit immer neuen Brettern und Nageleinschlägen vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Mittlerweile sehen wir vor lauter neuen Brettern die Grundkonstruktion sprich Balken nicht mehr und eine Analyse des Bestehenden ist oberflächlich kaum mehr möglich. Wenn wir also etwas von dem erreichten Gebäude sprich Wohlstand und Frieden retten wollen, der uns nach dem Zweiten Weltkrieg gelungen war, müssen wir die vielen Bretter und Verschläge abreißen und uns erneut mit den Grundkonstruktion des Hauses beschäftigen. Aber zunächst einmal müssen wir uns mit der Beschreibung der Veränderungen beschäftigen, die uns in die Misere geführt haben.

Fangen wir mal ganz grob mit einigen Schlagworten an, die mit Abstand ganz im Vordergrund zu stehen scheinen. Da ist zunächst einmal der durchaus gelungene Versuch, die westliche Wirtschaftsform des Kapitalismus weltweit als Standard zu verbreiten. Alle großen und entwickelten Staaten der Welt haben heute ihre Wirtschaft so organisiert. Was wir bei dem Export desselben übersehen haben, ist die Tatsache, das zu einer solchen Wirtschaft auch ein Gesellschaftsbild gehört, das nach dem westlichem Idealbild geformt sein müsste, was ja selbst im exportierenden Westen noch nicht einmal annähernd gelungen ist. Der Kapitalismus als System erzeugt seiner Natur nach immer Gewinner und Verlierer, oder anders ausgedrückt ist darin immer des einen Gewinn des anderen Verlust. So mehrt sich die Anzahl der Verlierer zwangsweise immer stärker als die der Gewinner. Es fehlt ein Ausgleich, der der menschlichen Regung nach Gerechtigkeit entspricht. Diese ist aber nicht möglich, da dazu notgedrungen ein hohes Maß an Gleichheit eingeführt werden müsste, was aber der Motivation des menschlichen Verhaltens gar nicht entspricht. Zu einer ausgewogenen Verteilung der genannten Eigenschaften und Motiven wie Gewinner, Verlierer, Gleichheit, Gerechtigkeit, Freiheit und Mitmenschlichkeit fehlt uns bisher jegliche Idee. Das bestehende wirtschaftliche System jedenfalls ist dazu nicht in der Lage.

Dann haben wir beginnend mit den zwei Weltkriegen Kriegsformen geschaffen, die so in der zivilisierten Welt noch nie in Erscheinung traten. Die Kriege davor wurden überwiegend in Schlachten geführt und entschieden, wo sich willige Soldaten auf dem Feld gegenüber standen und der Sieg bzw. die Niederlage im Kampf Mann gegen Mann ausgefochten wurde. Nun, Gräuel und Unmenschlichkeit gab es an den Rändern dieser Ereignisse schon immer, aber nie zuvor gab es eine Situation, in der sich die Möglichkeit abzeichnete, das Ende großer Teile des Lebens auf dem Planeten herbeizuführen. Schlachtfelder wurden traditionell von Zivilpersonen geräumt, in den lebensgefährlichen Fronten gab es dann nur Soldaten, und abseits der Schlachtfelder ging das Leben während des Krieges und auch danach weiter, zwar oft in einer neuen Ordnung, aber grundsätzlich nicht gefährdet. Mit dem Aufkommen der Atomwaffen hat sich hier ein anderes Bild entwickelt. Was anfänglich in Form der Abschreckung versprach, einen ewigen Frieden einzuläuten, wandelt sich mehr und mehr zu einem Armageddon. Kriege werden geführt trotz der gefürchteten Waffen, und die heutigen Kriegsherren hangeln sich ganz dicht am Abgrund von Auseinandersetzung zu Auseinandersetzung. Auch werden heute Kriege nicht mehr geführt, um zu gewinnen und so das Zerwürfnis zu beseitigen, sondern mehr und mehr wird gekämpft, um einen möglichen Konkurrenten zu schwächen, sich wirtschaftliche Vorteile zu verschaffen oder sogar nur noch, und das ist eine seltsame Perversion, um vom Versagen der eigenen Macht- und Regierungsanstrengungen abzulenken. Auch haben sich die Waffen und deren Ziele stark verändert. Soldaten kämpfen nicht nur gegen Soldaten, sondern mehr und mehr ist die Zivilbevölkerung, die Infrastruktur, zurückkehrend neue Territorien und die Kontrolle über Handelswege im Visier der Kämpfenden. Und auch die Waffen sind nicht mehr nur im Militärischen angesiedelt. Es werden Handels- und Wirtschaftssanktionen bedient, es werden digital zugängliche Systeme digital angegriffen und auch das Abhören, Sabotieren, Datensammeln und die Spionage laufen auf Hochtouren. Dazu kommt die Verwendung von nahezu unendlichen Geldmitteln, die ebenfalls in einem weltweit vernetzten System wie Waffen bedient werden können. Zusammengefasst kann gesagt werden, das sich Krieg und Alltagsleben mehr und mehr vermischen und nicht mehr getrennt werden können. Das ist für Frieden und Freiheit eine unmögliche Grundlage.

In die letztgenannten Kriege sind auch die Informationsmedien verwickelt, deren Ansicht ein eigenes Kapitel bedarf, da hier sich eine Perversion entwickelt hat, die bisher nie festgestellte Ausmaße angenommen hat. Nun sehe ich hier nicht nur die Abhängigkeiten vom Geldgeber, der wie bisher schon immer (Bei den Öffentlich Rechtlichen sind das die Regierungen.) einseitig ihre eigene Interessenlage bedienten. Das gab es schon immer und eine Form der Meinungsrinne (neudeutsch: Mainstream) war auch in allen Zeiten zu beobachten. Was mich mehr beunruhigt ist die Tendenz, das die Medien zunehmend in Interessenblasen auftreten und so ihrer Arbeit, umfassend zu informieren, nicht mehr nachkommen. Es wird eine vorgefasste Meinung vertreten und alles, was davon abweicht wird entweder skandalisiert oder, sofern das bereits Genannte nicht möglich ist, verschwiegen. Es scheint so zu sein, das nahezu alle Medien (Mainstream plus Alternative) nur noch zielgerichtet einen kleinen Teil der Gesellschaft anzusprechen scheinen, die ihre Grundausrichtung teilen, mit anderen Worten nur noch in ihrer kleinen Blase agieren. Will sich der Bürger umfassend informieren, muss er also, eine andere Schlussfolgerung gibt es nicht, sich der Medien aller politischen und gesellschaftlichen Blasen bedienen. Nun sind das aber nicht mehr nur zwei wie in der Vergangenheit (Rechts sprich Konservativ vs. Links sprich Reformorientiert), sondern es gibt deren mittlerweile so viele, das man um umfangreich informiert zu sein mit einer kleinen Auswahl nicht mehr klarkommt. Zwar kann durch die Digitalisierung nahezu alles erreicht und konsumiert werden, aber die Gesamtmenge gleicht mehr einem Heuhaufen, in dem eine Nadel gesucht und gefunden werden soll. Wer hat schon Zeit und Muße, sich das ganze Geschwurbel Tag für Tag anzutun? Niemand liest gerne Geschriebenes, das eine andere Meinung oder Ansicht vertritt als die eigene. Das ist ermüdend und lässt seine Spuren zurück, die deutlich auf die Stimmung drückt. Die zu beobachtende Verdrossenheit für Politik und Gesellschaftsdebatten zeigt deutlich, wie groß das Defizit mittlerweile ist. Die Social-Media-Formen haben eine großen Teil dazu beigetragen, diese Unübersichtlichkeit herzustellen, weil Geschwindigkeit und die Forderung nach kurzen Aussagen die Hintergründe immer mehr verschwinden lassen. Es gab eine Zeit, da waren studierte Journalisten in der Lage, den Stand und die Prägungen der Gesellschaftsdebatten zu beschreiben, zu analysieren und das Ergebnis an den Leser weiterzugeben. Da reichte eine Tageszeitung und ein Magazin, um umfangreich informiert zu sein. Ich habe heute nicht mehr den Eindruck, dass es noch Medien gibt, die dieser Aufgabe gerecht werden (können). Außerdem bringt die Vielheit im Mediensegment auch finanzielle Belastungen mit sich, da sich die wirklich umfangreichen Informationen mittlerweile oft im gebührenpflichtigen Angebot befinden oder dauerhaft nur durch langlaufende Abos erreicht werden können. Wer kann sich schon 20 Abos auf Dauer leisten? Und wohlgemerkt schreibe ich hier über alle Medien, also auch über die sogenannten alternativen und zeitkritischen Medien.

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