Es macht mich traurig, so schreiben zu müssen. 2500 Jahre Nachdenken haben uns nur an den Rand des Abgrunds geführt. Das ist kein Erfolg, sondern Scheitern aus Unverstand. Und intelligent ist es auch nicht. Und die Kasperade steht und fällt mit der Sprachverwirrung, die uns überall begegnet. Nehmen wir den Faschismus, wie er in Wikipedia.de erklärt wird:
Faschismus (von italienisch fascio „Bund“) war zunächst die Eigenbezeichnung einer politischen Bewegung in Italien… Ab den 1920er Jahren wurde der Begriff für alle ultranationalistischen, nach dem Führerprinzip organisierten antiliberalen und antimarxistischen Bewegungen, Ideologien oder Herrschaftssysteme verwendet, die seit dem Ersten Weltkrieg die parlamentarischen Demokratien abzulösen suchten. Die Verallgemeinerung des Faschismus-Begriffs von einer zeitlich und national begrenzten Eigenbezeichnung zur Gattungsbezeichnung einer bestimmten Herrschaftsart ist umstritten, besonders für den deutschen NS-Staat.
Wenn man den Anfang des Artikels genau gelesen hat wird einiges auffallen an dem, was da über Faschismus geschrieben steht. Das von Bund abgeleitete Wort beschreibt ganz grob und allgemein eine Interessenorganisation. Das sind auch alle Parteien, alle Firmen, alle NGOs und Hilfsorganisationen. Dann lesen wir das „ultranationalistisch“ 1 und meint jenseits einer liberalen Demokratie. Nun, wie oben zu lesen war sind die meisten Demokratien jenseits des Liberalismus, da sich Liberalismus ja an der Freiheit orientiert und nicht unbedingt zu Gerechtigkeitsdenken strebt. Und das man dem Nationalsozialismus, wie er in Deutschland unter Hitler existierte, nicht Faschismus nennen möchte, ist meiner Meinung nach unerklärlich. Was war es sonst, „Extrem-Faschismus“, „Prä-Faschismus“, oder was auch immer. Auch Neo-Faschismus ist Faschismus, denn Neo deutet ja nicht auf „verträglich oder harmlos“, sondern auf „neu“. Es gibt auch Links-Faschismus und Öko-Faschismus. Es kommt doch darauf an, wo der Mensch dazu steht und was er (siehe unten) im Schilde führt. Und kommen wir noch kurz zum Führerprinzip: Jeder Monarch, jeder Präsident, jeder CEO und jeder Chef ist ein Führer, und er/sie ist das solange, bis jemand anderes seinen/ihren Platz einnimmt. Unser Kanzler in Deutschland bestimmt die Richtlinien der Politik. Ist das nicht eine Führerschaft? Wichtig dabei ist nur, ob es eine Möglichkeit für das Volk gibt, ihm/ihr die Führerschaft zu entziehen. Willkommen im Anfang einer Demokratie, denn nur dann und dort ist es möglich. Oh, ich vergaß: Mord, Attentate, Revolutionen und Entführungen gibt es ja auch noch. Wenn ich jemals Führer werden sollte, ist meine erste Handlung dafür zu sorgen, das das Volk mich legal abwählen kann, denn sonst bleiben ja nur die letztgenannten Verfahren. Das würde ich nicht mögen. Für mich ist Faschismus definiert durch den eng gesteckten Rahmen (Framing), der einem Sozialgefüge aufgezwungen wird und durch die Ent-Menschlichung und Verfolgung aller, die diesen Rahmen nicht akzeptieren wollen oder können. Und wer heute Nazi genannt wird, den versucht man auf die Ebene von Hitler und Gefolge zu degradieren. Ich finde aber in keiner Ecke Deutschlands Menschen, die solche Ideen in der Praxis verfolgen. Ins Denken kann ich aber nicht hineinschauen. Wenn ich in die internationalen Krisenherde schaue, sehe ich da schon eher Entwicklungen und Organisationen, die in diese Richtung gehen, nur scheint das niemand im Westen (…egal, ob wir über Feind oder Freund reden…) zu stören.
Was denkt man sich eigentlich dabei, wenn man die Begriffe Post-Demokratie, Post-Liberalismus, Post-Moderne oder Post-Historismus gebraucht und zu Politkampfzwecken verwendet? Post hat die Bedeutung von Nach, Hinter oder Danach. Das sagt nichts darüber aus, ob eine Weiter-, eine Rück- oder gar Fehlentwicklung im Gange ist. Wir kämpfen für die Demokratie und postulieren ein nach der Demokratie entstehendes System? Wer so denkt, hat Demokratie nicht verstanden und sagt nichts darüber aus, was kommen soll: Faschismus, Ochlokratie, Oligarchie, Matriarchat, Expertokratie, Anarchie oder gar Stratokratie 2 Wer so denkt, hat sich nie mit Geschichte beschäftigt (Historie) und auch nie mit der Grundform unserer westlichen Kultur, der Moderne. Alle genannten Begriffe sind nicht definierbar und stellen Prozessgeschehen dar. Historie, Demokratie, Liberalismus und Kultur sind nie fertig, haben auch nie angefangen und sind mehr mit einem Strom vergleichbar, wo das Wasser, das ich vom Ufer aus sehe, immerzu erneuert wird. Wir finden weder Anfang noch Ende der Entwicklung und können nur sehen, was gerade ist. Mehr geht nicht, und der Rest beruht auf Hörensagen, Erinnerung oder Spekulation.
Dann möchte ich noch auf das Wort „sozial“ kommen und hier einige Gedanken äußern, deren Inhalt scheinbar verloren gegangen sind:
Das Adjektiv sozial (von französischsocial und lateinischsocialis) wird oft als Synonym zu „gesellschaftlich“ verwendet und im erweiterten Sinn zu „gemeinnützig, hilfsbereit, barmherzig“. Stattdessen beschreibt der Begriff des Sozialen zunächst die Gruppe als Handlungsvoraussetzung. Wie Niklas Luhmann (1927–1998) zeigt, bezeichnet der Gesellschaftsbegriff ein spezifisch-komplexes „soziales System“. In der Umgangssprache bedeutet „sozial“ den Bezug einer Person auf eine oder mehrere andere Personen; dies impliziert die Fähigkeit (zumeist) einer Person, sich für andere zu interessieren und sich einzufühlen (Mitgefühl, Mitleid). Es bedeutet auch, anderen zu helfen und eigene Interessen zurückzunehmen. Es ist (je nach sozialer Rolle) üblich, dass Menschen sich gegenüber Untergebenen großmütig oder leutselig verhalten, gegenüber Unterlegenen ritterlich, gegenüber Gleich- und Nichtgleichgestellten höflich, taktvoll, hilfsbereit und verantwortungsbewusst. Unsozial in diesem Sinne denkt oder handelt, wer das alles als unwichtig empfindet. Asozial (oft pejorativ sprich schlecht) ist, wer mit seiner gesellschaftlichen Umgebung (fast) unverbunden ist und nur an deren Rand lebt, wer sich also nicht in sie „einfügen“ will oder kann. Wikipedia.de
Wir finden das sehr oft in der politischen Sprache und es wird meiner Ansicht nach so gebraucht, als würde man den Mond als Sonne bezeichnen. Wir finden das in Parteinamen, in politischen Richtungsbeschreibungen (Sozial-istisch, Sozial-demokratisch, Sozial-Christlich, National-Sozial-istisch, Sozial-Politik, Sozial-Management, Soziale Kompetenz, usw) und auch in der Alltagssprache wie „Das ist aber un-sozial“. Wenn ich die oben genannte Erklärung von Wikipedia zugrunde lege, hat das Wort nichts, aber auch gar nichts mit den in Klammer gesetzten und bemühten Beispielen zu suchen, es sei denn, man fügt zwei Buchstaben hinzu. Ich bin heute mehr als 70 Jahre in der Gesellschaft unterwegs. Sozial im oben genannten Sinn habe ich weder in der Familie, der Schule, der Lehre, der Arbeitswelt noch in anderen Groß- und Klein-Organisationen gefunden. Ich plädiere dafür, das Wort entweder aus dem Wortschatz zu streichen, eine andere Definition dafür zu bestimmen oder endlich wieder die oben genante Definition zu bemühen. Meiner Ansicht nach käme Letzteres fast ebenfalls einer Streichung nahe. Wenn wir Sprache so wahllos verwenden, können wir uns bald nicht mehr unterhalten oder austauschen. Und das ist das Ende eines Sozialgefüges und damit das Ende der Demokratie. Wollten wir sie nicht verteidigen? Warum zerstören wir dann ihre Grundlage? Was wäre ein Schritt in die richtige Richtung? Er fängt immer an mit Bildung und Erlernen der Sprache, die alle gemeinsam haben, an und nicht dort, wo jeder Mob sein eigenes Plapper- und Zaubergefüge entwickelt. Und es ist egal, ob damit die Wissenschaften, die Wirtschaft, die Zugewanderten, die Politiker, die Jugend, die Alten oder andere Sondergruppen gemeint sind. Wenn ich irgendwohin komme und die Sprache dort nicht verstehe, bin ich ausgegrenzt und nicht eingebunden. Das ist nicht demokratisch und nicht sozial. Es gibt keinen Ausweg: Zumindest eine Sprache für alle Teilhaber einer Gesellschaft ist notwendig. Und erlernt werden sollte die in Schule und Ausbildung, und das egal wo man herkommt und was immer man damit machen möchte. 3
- Gemeint ist ein Nationalismus, der sich unwiderruflich „jenseits“ (lateinisch ultra) des politischen Spektrums einer liberalen Demokratie begibt und somit mit dieser unvereinbar ist. Wikipedia.de ↩
- siehe auch https://www. herrschaftsformen.de ↩
- Beispiel: Es geht doch nicht, das ein Arzt seine Diagnose in Worten verfasst, die der betroffene Patient nicht versteht. Das ist nach oben zitierter Definition unsozial, weil nicht mitfühlend, taktvoll und verantwortungsbewusst. ↩