Neue Technologien und kein Verständnis für Zusammenhänge

Ich habe mich in den letzten Tagen mit Freunden über viele Themen unterhalten und gewinne immer mehr den Eindruck, das die Welt, wie sie von Vielen erlebt wird, eine Komplexität erreicht, die keinen Überblick, keine Linie, kein Verständnis und keine festen Formen mehr zulässt. Alles scheint im der horizontalen Breite zu umfangreich geworden zu sein. Selbst viele Teilbereiche unseres Systems sind von einem Einzelnen allein nicht mehr zu überblicken. Alles ist so vernetzt, verstrickt und durchdrungen, das keine klare Bedeutung mehr gefunden werden kann. Ich habe mir daher im nachfolgenden Text die Mühe gemacht, aufzuzeigen, was unsere heutige Welt so besonders macht und das vieles heute sozusagen erstmals die Gesellschaften der Menschen erreicht hat. Man kann den Zustand heute also nicht mehr anhand von historischen Beispielen beurteilen. Dazu benutze ich Stichworte, die jeweils eine Beobachtung von heute aufzeigen und versuche dann in der Zusammen-Sicht eine Betrachtung zweier Krisen zu schaffen, die uns in letztere Zeit in Atem hielten.

Wie gerade die Generation der 60+ belegen kann, sind in den letzten Jahren einige neue Technologien in den Status des „Must Have“ eingerückt, die so noch nie zuvor wirken konnten. Neue Kommunikationsmedien wie Mail, Social Networking, Portale, Internetbibliotheken und Chats haben das Tempo der Informationsverteilung so stark beschleunigt, das nahezu keine Bedenkzeit für Reaktionen oder Antworten mehr verbleibt. Und diese Beschleunigung hat sich nicht nur in den Betrieben, sondern auch in den Familien und sogar schon in der Schule festgesetzt Viele Menschen kommen damit nicht mehr zurecht.

Die Resonanz, die dieser Informationsdichte folgt, ist daher auch bei vielen Menschen nicht mehr aus einer Überlegung heraus geboren, sondern erfolgt nach heutiger wissenschaftlicher Überzeugung aus den weniger rationalen Sphären des Unbewussten heraus. Wir sagen dazu gerne: Das Gesellschaftsgeschehen ist emotional geworden. Zeit zum Nachdenken fehlt, Zeit zum Recherchieren fehlt, das Informationsangebot ist endlos groß und überall erfährt der Suchende etwas zu seinem Thema und aus anderen Perspektiven heraus, so das eine Entscheidung zu treffen nicht mehr den gewohnten Bahnen folgen kann, die noch aus der Zeit von Brief und Schrift so großzügig zur Verfügung standen. Und so bleibt letztlich nur die irgendwie emotional gesteuerte unmittelbare Reaktion. Emotionale Reaktionen greifen aber immer zurück auf vorgefertigte, ein-gewohnte Erzählungen, die mit dem Satz „So haben wir es schon immer gemacht“, gut beschrieben sind.

Das Umfeld der Menschen ist heute also nicht mehr stabil ausgerichtet, so das nicht mehr auf gewohnte, bisher erfolgreiche Mechanismen zurückgegriffen werden kann. Das Netz der Informationen vergisst zum Beispiel nicht mehr. Aussitzen geht nicht mehr wirklich gut, „es sich abkühlen lassen“ auch nicht, was in der Welt der Daten angekommen ist, ist unwiderruflich da. Die Welt hat sich einfach gewandelt und verewigt alles und jedes.

Wir leben in der westlichen Gesellschaft überwiegend in repräsentativen Demokratien. Wir wählen also eine Reihe von ausgesuchten Menschen in Positionen, von wo aus sie für uns, in unserem Namen Entscheidungen treffen. Wir haben heute Methoden zur Verfügung, die durch digitale Bearbeitungen deutlich schneller und umfangreicher Daten verarbeiten können. Eine der revolutionierten Techniken sind Meinungsumfragen, die heute in einem ganz anderen Tempo durchgezogen werden können. Allein die Bundesregierung gibt jedes Jahr bis zu 200 dieser Umfragen in Auftrag. Sie ermitteln für unsere Vertreter Stimmungsbilder, die sie für politische Entscheidungen nutzen. Ist ein Vorhaben umsetzbar, erzeugt es in den Medien und den öffentlichen Debatten weit gefächerte Resonanzen, seien es Widerstände, Zustimmung oder andere Stimmungsbilder?
Die genannten demokratischen Formen leiden zusätzlich, das ist gut zu beobachten, in Krisen gleich welcher Ursache an der für diese Gesellschaftsform typische Trägheit in der Entscheidungsfindung. Während in mehr absolutistischen Regierungsformen schnelle Entscheidungen möglich sind, teilweise nur durch die Aussage einer einzelnen Person an der Spitze (Präsident, Vorsitzender), sind Kompromisse, Rücksichtnahmen und Interessenkonflikte in repräsentativen Parteien-Demokratien derart ausgeprägt, das sinnvolle Entscheidungen, gute Reformen oder sogar neue Ideen in reiner Form kaum durchsetzbar sind. Große Reformvorhaben der letzten Jahre, im Grunde notwendig und anfangs auch gut ausgearbeitet, wurden entweder durch Blockade vollkommen verhindert oder wurden durch zähe Verhandlungen der betroffenen Parteien so verwässert, das ihr Nutzen fragwürdig wurde. Und dieser Trend wird größer, da in ganz Europa immer mehr Parteien miteinander koalieren müssen, um eine regierungsfähige Mehrheit zu bekommen.

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