Unsere komplizierte neue Welt

Immer wieder in heutiger Zeit hört man einen verhängnisvollen Satz, der durch seine Schlagkraft und Einfachheit Diskussionen stets zum Erliegen zu bringen scheint:
Unsere Welt ist komplizierter geworden und daher muss es so sein wie es ist …
Das Problem dabei ist, dass dieser Satz nicht nur nicht stimmt, sondern die Wahrheit eher ins Gegenteil verkehrt und daher so falsch ist wie die Beobachtung eines „fliegenden rosa Elefanten“ vor dem Wohnzimmerfenster.
In Wahrheit ist die Welt genauso geblieben wie sie immer schon war, nur die gültige Weltsicht der meinungsbeherrschenden Eliten hat sich um 180 Grad gedreht. Und diese Verkehrung nimmt so absurde Züge an, dass sie jedem Kabarettisten die Pointen zu rauben in der Lage ist. Haben Sie letztens einmal in gutes Kabarett geschaut? Und ist Ihnen dabei auch aufgefallen, dass Leute wie Pispers und Schramm gar keine Pointen mehr formulieren müssen, sondern einfach nur Sätze, Handlungen und Aussagen von Politikern oder Wirtschaftsführern zu zitieren brauchen und allein durch geschicktes Betonen und Wirken lassen einzelner Satzfragmente das Publikum zu unterhalten verstehen. Vielleicht helfen ein paar aktuelle Beispiele, solche Verkehrungen darzustellen:

I. Die Einführung einer verfassungsgemäßen Vermögenssteuer wäre durchaus geeignet, Investitionskapital in die Wirtschaft zurückzubekommen und würde daher Arbeitsplätze erbringen und nicht, wie allgegenwärtig behauptet, kosten. Weiterhin würde/könnte die Spekulation mit Grund- und Immobilienbesitz gedämpft werden, da Wertzuwachs auch höhere Abgaben zu Folge hätte. Das gleiche Argument gilt auch für Börsengeschäfte, da sie kurzfristige und durch geringen Wertzuwachs getriebene Transaktionen nicht lohnenswert erscheinen ließe.
II. Altersarmut kann nicht bekämpft werden durch private Vorsorge. Wer so etwas behauptet ist ein Lügner. Die Menschen, die irgendwann eine kleine Rente bekommen, haben nicht nur wenig in die Kassen einbezahlt, sondern Zeit ihres Lebens auch wenig verdient/bekommen und können daher nicht für ihre Altersjahre Kapital ansparen. Die perverse Behauptung: „Weil ich weniger verdiene, muss ich mehr zurücklegen!“ braucht man nicht zu widerlegen. Das widerlegt sich selbst.
III: Politiker, die den Brandt’schen Satz „mehr Demokratie wagen“ mit der parteiinternen Abstimmung über Koalitionsverträge in Verbindung bringen, haben das Wort „Demokratie“ nicht einmal ansatzweise verstanden. Und natürlich darf ein Verein/Partei auch seine Mitglieder befragen. Nur, über die Wahl eines Kanzlers und die Gesetzesvorhaben der Regierung entscheiden die gewählten Abgeordneten des Parlamentes und nicht Parteigremien, die ja praktisch nur einen Verein repräsentierten. Und Abgeordnete sind nach Gesetz nur ihrem Gewissen unterworfen. Wozu dann Verhandlungen geführt werden und eine ganze Nation gebannt und geduldig auf die Ergebnisse derselben starrt, ist mir ein Rätsel. Hier wird Demokratie nicht gewagt, sondern pervertiert!
IV. Und wenn der erste Mensch des Staates über Freiheit spricht, dann meint er doch nicht etwas wie: „Wir (der Westen) sind frei und ihr (der Osten; Süden) seid unfrei! Seit wann aber gibt es für Freiheit unterschiedliche Definitionen aufgrund von Bekenntnissen zu Gesellschaftssystemen. Freiheit ist auch und vor allem anderen die Freiheit des „Anders-Sein-dürfens“, und dieses Ideal ist überall auf der Welt gleich. Ob uns KGB oder NSA, Stasi oder Gestapo unterdrückt, verfolgt, ausspioniert, verhört oder einsperrt, ist in meiner Fassung von Freiheit vollkommen gleichgültig. Und wenn ein Verfassungsschutz bei den Einen hin-, bei den Anderen aber wegsieht, ist das auch eine Form der Unterdrückung. Und ehrlich betrachtet: Vor den subtilen westlichen Formen von Unterdrückung habe ich deutlich mehr Grund Angst zu haben als vor plumpen östlichen Formen.
V. Wenn Staaten wie im Süden Europas ihre Schulden nicht begleichen können, sind wir nicht in der Lage, diese Haltung mit der Androhung von hohen Geldstrafen zu verändern. Wer kein Geld mehr hat, kann nämlich weder Schulden noch Strafen bezahlen. Und jeder, der uns etwas anderes glauben machen will, hat ein ganz anderes Ziel. Er will den Status quo erhalten und seine eigene Haut/Vermögen retten, und dies ausschließlich zu Lasten derer, die gerade glauben sollen.
VI. Ist es wirklich notwendig, den Wohlstand einer Bevölkerungsmehrheit auf der Armut einer Minderheit aufzubauen? Die Einführung des Mindestlohnsektors war eine gewollte Innovation einer Partei, deren Wähler sich gerade aus der Gruppierung rekrutierte, die zur Armut verdonnert wurden. Und diese Partei hat ihre Wählerstimmen dadurch halbiert. Aber scheinbar ist weniger heute mehr, denn sie dominiert die neue Regierung. Wer wird wohl profitieren von dieser Konstellation? Der Armutssektor vielleicht?

Unsere Welt ist nicht die Welt, wie sie von meinungsbildenden Figuren dargestellt wird. Hier wird polarisiert, ausgespielt, gelogen und betrogen, was das Zeug hält, um die eigene Haut und deren Verpackung in Sicherheit wiegen zu können. Und die große Masse derer, die nicht meinungsbildend sein kann, wird letztlich die Zeche bezahlen.
Wir hatten nach den Kriegen einmal, so lange ist es noch gar nicht her, ein ehernes Ziel:
Wohlstand und Freiheit für Alle
…und wir waren auf dem besten Weg, diesem Ziel in kleinen Schritten näher zu kommen. Und was uns abhält davon, auch heute noch auf diesem Weg weiterzugehen, ist die Gier derer, die ihre Pfründe und Habseligkeiten in Gefahr sehen und daher ein Meinungsbild schaffen und vertreten, das mit der Wirklichkeit nichts mehr zu tun hat. Sie drehen alles auf den Kopf und verkaufen uns das als die großen Reformen und Innovationen. Und was am schlimmsten dabei ist: „Wir lassen uns das unwidersprochen andrehen und sind dabei immer zufrieden und hoffnungsvoll!“ Geht’s noch?

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.