Der Artikel beschäftigt sich mit den Formen der Entscheidungsfindung, zunächst in Kürze im persönlichem Umfeld, und danach etwas ausführlicher in demokratischen und parlamentarisch geführten Systemen. Dabei werden die Verfahren Kompromiss, Konsens und Win-Win besprochen und mit den Definitionen verglichen, die Wikipedia 1 anbietet. Dann werden drei grundlegende und mit westlichen Vorstellungen verbundene Gesellschaftsanschauungen (Konservatismus, Liberalismus und Sozialismus) kurz beleuchtet. Auch hier werden die Definitionen von Wikipedia hinterfragt und diskutiert. Abschließend behandelt der Artikel die Machtfrage, mit der jeder Bürger konfrontiert ist und der er sich bewusst sein sollte. Zusätzlich beleuchte ich zum Abschluss die Möglichkeiten, die jedem Bürger einer westlichen Demokratie zur Verfügung stehen, um auf die politische Landschaft einzuwirken. Es gibt meiner Ansicht nach deren mehr als gemeinhin gedacht wird.
Wer ein Ziel verfolgt, wird im privaten Bereich, so er seine Arbeit erfolgreich beendet, irgendwann an seinem Ziel ankommen, wenn auch nur für den kleinen Moment seiner Dauer. Ein Ziel zu erreichen bedeutet auch, irgendwann eine Entscheidung gefällt und deren Verlauf gesichert zu haben. Man ist dann aber an einem Ende anzukommen, an dem dann ein Neuanfang, eine Neuausrichtung notwendig wird: Dann folgt die Umsetzung der neu getroffenen Entscheidung. Das ist heute die meist vernommene Ansicht zu Entscheidungsfindungen. Ein neuer Anfang aber muss, um neu zu sein, Altes von sich geben. Etwas von sich zu geben heißt etwas zu verlieren, einen neuen Anfang zu machen bedeutet, Neues erwerben und/oder sich erarbeiten zu müssen. Übergreifend betrachtet ist das Ende, also das Ziel irgendwann erreicht zu haben, verbunden mit Anerkennung durch Andere und Triumph des eigenen Selbst. Danach aber liegt die Latte, die es künftig zu überwinden gibt, deutlich höher. Das gilt nicht nur für die Augen der Anderen, sondern auch für die Augen, die auf sich selbst schauen. Das Mühen begibt sich zu einem neuen Anfang zurück und alles beginnt erneut. Folgerichtig leuchtet die Frage auf: Wäre es nicht besser gewesen, auf der alten Spur zu bleiben und zu überlegen, ob ein Ziel zu erreichen, das jede neue Entscheidung zeitigt, überhaupt sinnvoll ist? Es würde bedeuten, auf Triumph und Anerkennung zu verzichten und sich dafür den Neuanfang zu ersparen.
Diese negative Aussicht über einen Neuanfang wird bei gründlicher Überlegung auf Widerstand stoßen, denn absolut betrachtet verschließt dieses Konzept den Ausstieg aus einer als untragbar empfundenen Lebenssituation. Diese erscheinen, wer aufmerksam sein Leben erfolgt, mehr als häufig und bringen stets einen Teil eines Lebensgefüges ins Wanken. Die Klarheit verschwindet nach jedem Neuanfang, denn das Neue zeigt sich nicht gleich nach der getroffenen Entscheidung. Ein Gefühl des Verloren-Habens erscheint vielmehr oft und eine Überlegung leuchtet auf mit dem Ziel, diesen Verlust irgendwie doch noch zu verstecken, zu verschleiern, ihn umzubenennen oder wie auch immer zu umgehen. So aber erscheint das neu Angestrebte meist gar nicht klar und deutlich. Der entstandene Konflikt macht immer etwas mit dem Fühlen, der den Weg durch das Leben dann begleitet. Alles nach Entscheidungen wird kompliziert, die Gedankengebäude ragen immer mehr in die Höhe, werden unübersichtlich, und die Chancen, etwas zu verbeuteln, wachsen. Der Neuanfang gelingt oft nicht, denn mit dem beschriebenen Herumrühren kann sich das Alte nicht vom Neuen scheiden. Das Leben wird oder bleibt trübe und der Neuanfang zieht sich in die Länge. Absolut betrachtet ist jeder Neuanfang ein großer Verlust. Als Konzept ist er, ständig gebraucht, daher auch nicht generell zielführend. Am Anfang des Neuen steht stets der Verlust des Alten. Etwas zu verlieren aber liegt uns Menschen nicht.
Der Konflikt mit dem „so weiter wie bisher“ oder „ganz neu anfangen“ ist so alt wie die zivilisierte Menschheit. Es wurden in nahezu jeder Kultur Konzepte entwickelt, diese Problematik zu lösen. Was in der Welt des Persönlichen noch ganz einleuchtend erscheint, wird in der Welt der Gesellschaften, der Vielen, ganz anders. In der heutigen Weltkultur, die sich überwiegend an westlichen Wertevorstellungen misst, ist die Vorstellung für eine Entscheidung mehr in der Form eines „entweder/oder“ bzw. des „entscheide dich“ vorherrschend. Wir nennen das gerne „Denken in Dualität“. Und wo sich eine Lösung mit dem Dualitätsprinzip nicht machbar zeigt, wird gerne und schnell in einen Kompromiss eingelenkt.
Ein Kompromiss ist die Lösung eines Konfliktes durch gegenseitige freiwillige Übereinkunft, unter beiderseitigem Verzicht auf Teile der jeweils gestellten Forderungen. Die Verhandlungspartner gehen aufeinander zu. Sie verlassen die eigene Position und bewegen sich auf eine neue gemeinsame Position. Ziel ist ein gemeinsames Ergebnis, auf das sie sich einigen. Der Kompromiss ist eine vernünftige Art, widersprüchliche Interessen auszugleichen (Dissens-Management). Er lebt von der Achtung der gegnerischen Positionen und gehört zum Wesen der Demokratie. Kompromisse können viele Lebensbereiche der Menschen betreffen. Wikipedia
Nun hört sich die oben zitierte Definition eines Kompromisses ja durchaus nett an, aber bei genauem Hinsehen tun sich da doch schnell Gräben auf, die für alle Beteiligten ein ständiges Ärgernis sein müssen. Beide geben ihre Position auf (Verlust) und gestalten eine neue, „gemeinsame“ Position. Da aber bei absolut dualen Fragen wie „rechts fahren oder links“ nicht beide Positionen aufgegeben werden können, verfällt man schnell in eine andere Auflösung, die da heißt: Bei Problem A gewinnt der Eine, dafür gewinnt bei Problem B der Andere und so weiter. So hat jeder der Kontrahenten gleichzeitig eine Kröte zu schlucken und einen Triumph zu verbuchen. Solche Lösungen als vernünftig zu bezeichnen erscheint zutiefst zweifelhaft. Und das dann noch als „Wesen der Demokratie“ anzusehen, erscheint noch zweifelhafter, denn dieses Lösungskonzept verschweigt, das in Gesellschaften wie auch in Familien Machtgefüge bestehen, bei denen die Positionierungen stets einseitig beeinflusst werden. Mit anderen, etwas klareren Worten heißt das, das Mächtige wohl mehr die Triumphe ernten werden und Machtlose die Kröten zu schlucken haben. Wir werden uns also zusätzlich noch die Machtgefüge ansehen müssen, wie sie entstehen, wie sie sich gestalten, wie diese Gestalt sich auswirkt und wie diese Macht eingehegt werden kann. Das eigentliche Wesen der Demokratie ist nämlich das Einhegen von Macht, und zwar nicht, um diese vor dem Volk zu schützen, sondern um die willkürliche Ausübung von Macht zu verhindern. Mit anderen Worten: Es gilt faule Kompromisse zu meiden.
Ein „fauler Kompromiss“ ist eine Variante, bei der nur scheinbar ein Kompromiss erzielt wurde – in Wahrheit aber eine Partei den Kürzeren gezogen hat, und dies nicht gemerkt wurde bzw. unter den Tisch gekehrt wird. Oder bei der man sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner verständigt hat und dabei beide eher verlieren. Nicht selten werden mangelnde Vorteile oder entsprechende Nachteile erst später ersichtlich und machen dann Nachverhandlungen erforderlich. Wikipedia
An dieser Definition ist nichts auszusetzen, und wer jetzt sich mal die aktuellen Nachrichten ins Gedächtnis ruft, wird feststellen, das „faule Kompromisse“ die „guten Kompromisse“ fast vollständig abgelöst haben. Das Konzept dabei ist wohl so zu verstehen, das zunächst der faule Kompromiss angenommen wird in der Hoffnung, das zur Zeit der Entscheidung sich die Machtverhältnisse eventuell zu eigenen Gunsten verändert haben könnten. Eine Hoffnung, die sich aber nur selten erfüllt und die stets mit Widerhaken versehen sein wird. Macht rücksichtslos auszuüben, zu welcher Zeit auch immer, erzeugt Widerstand.
Eine andere Lösung, um Konflikte zu lösen ist der Versuch, Konsens herzustellen. Wie definiert man aber Konsens so, das er tragbar bzw. für alle verständlich wird? Schauen wir mal bei Wikipedia:
Der Konsens ist eine gemeinsame Übereinkunft, die die Bedürfnisse der Beteiligten deutlich stärker berücksichtigt, als es ein Kompromiss tun kann. Ein Konsens löst Widersprüche auf, auch verdeckte, oder er benennt für alle Beteiligten und Betroffenen die noch offenen und noch nicht im Konsens gelösten Punkte. Wikipedia
Bei einer Frage wie „rechts oder links“ ist Konsens nicht möglich. Hier würde der Rückgriff auf den Kompromiss wohl nicht zu vermeiden sein. Viele Problemstellungen aber der heutigen Zeit zeitigen sich aber nicht in absoluter Dualität, sondern sind vielschichtig und lassen Wendungen zu, in denen zum Beispiel ein Themen-konformer Ausgleich möglich wäre. Gerade in einer kapitalistisch orientierten Demokratie ist das durch das einheitliche Berechnungsmedium Geld relativ einfach. Wenn zum Beispiel die Gesellschaft ein Grundstück benötigt, auf dem ein Eigenheim steht, wird sie dem Eigentümer wohl den Geldwert für ein wertvolleres Grundstück mit noch schönerem Eigenheim anbieten. Die Chance auf einen Konsens ist hier sehr hoch. Wir nennen solche heute gerne eine Win-Win-Lösung, was eigentlich ebenfalls nur die Auflösung in einem Konsens bedeutet.
- Wikipedia ist das im Westen meistgenutzte Nachschlagewerk im Internet. ↩