Urteilskraft und die Fähigkeit, Schlussfolgerungen zu ziehen

Eine entscheidende Fähigkeit zur Bildung von zivilisierten Gesellschaften, die sich durch Arbeitsteilung, Spezialistentum und technische Ingenieurskunst auszeichnen, kann man schlicht und einfach als „Urteilskraft“ oder die Fähigkeit zur „Schlussfolgerung“ bezeichnen. Dazu gehört auch die Kunst, Verhaltensmuster zu erkennen, die eine einzelne Taten und Maßnahmen wahrscheinlich bei Freund, Feind, Lieferant, Kunde, Angestellte und Vorgesetzte auslösen wird. Wirtschaften und regieren lebt im Prinzip von dieser Kunst, und wer dazu nicht fähig ist, wird sich irgendwann in einem Laden oder einer Firma ohne Kunden und Auftraggeber und einem Staat mit unzufriedenen Bürgern wiederfinden. Allerdings scheinen diese Fähigkeiten im westlichen Kulturkreis immer mehr zu verschwinden.

Ich bemerke diesen Mangel immer besonders bei Menschen, die ihre gesamte Arbeitslaufbahn abseits der produzierenden Berufe ausgeübt haben. Sie gehen vom Kindergarten in die Schule, von dort auf die Uni und dann in einen wie immer ausgeprägten gehobenen Dienst im Elfenbeinturm abseits der produzierenden Beschäftigten. Sie können daher deren Gefühlswelt und Bedürfnisse gar nicht beurteilen und treten so von Fettnäpfchen zu Fettnäpfchen, sind aber beauftragt, das Leben aller Menschen zu gestalten, obwohl sie nur den Teil der Elitenrekrutierung kennengelernt haben. Das das zumindest in der Masse der Bürger nicht für Freude und Zuversicht sorgen kann, sollte jeder verstehen, der sich jemals mit schlussfolgerndem Denken beschäftigt hat. Ein weiterer Mangel sehe ich in der so scheinbar modernen Forderung, die sittliche Zurückhaltung bei persönlichen Äußerungen aufzugeben. So sollte es zum Beispiel nicht immer angesagt sein, direkt und unverblümt zu sagen, was gerade gedacht oder empfunden wird. Man ist freundlich, höflich und nimmt Rücksicht. Menschen honorieren es nun einmal nicht, wenn sie ständig kritisiert, bevormundet, verspottet und angegriffen werden.

Nun gibt es Berufszweige in der westlichen Gesellschaft, in der die beschriebenen Mängel ganz besonders deutlich zum Ausdruck zu kommen scheinen. Tolerantes, diplomatisches oder rücksichtsvolles Verhalten scheint dort nicht gerade verbreitet zu sein. Verstärkt werden diese Effekte durch die Gewohnheit, eine detailreiche Sprache immer mehr durch Anglizismen zu verhunzen. Das heißt nicht, das die englische Sprache nicht ebenfalls reich an detaillierten Ausdrücken sei, aber das scheint meiner Beobachtung nach in den Ländern nicht bekannt zu sein, die Englisch als erste Fremdsprache gebrauchen und die diese fein abgestimmten Redewendungen nie kennengelernt haben. Ich spreche auch nicht gut genug Englisch und habe mich daher bemüht, mich mehr in deutschen Begriffen zu artikulieren. Ein wunderbares Beispiel ist der berühmte Ausdruck „Mainstream“, den ich gerne als „Meinungsrinne“ bezeichne, weil er genau betrachtet genau das meint, er weiterhin sich als ein sehr unscharfer Begriff darstellt und im Grunde nur ein undefinierbares Massenphänomen bezeichnet. Wie die Moleküle des Wasser in einem Strom streben alle Äußerungen auf das gleiche Ziel zu, das irgendwie und von wem auch immer fest vorgegeben zu sein scheint. Das hat mit Kultur, Kunst oder Zivilisation eigentlich wenig zu tun, in denen die Vielfalt doch viel erstrebenswerter erscheint. Massenphänomene zeitigen, wie unschwer in der Historie zu erkennen ist, nicht gerade häufig die Menschen-freundlichsten Kulturerzeugnisse. Ohne die Massen wäre kein großer Diktator jemals an die Macht gekommen, und diese Spur zieht sich durch die ganze Kulturgeschichte der Welt. Wer sich unsere Massenkultur einmal genau anschauen möchte, dem empfehle ich die privaten TV-Sender mal rund um die Uhr zu konsumieren. Ein guter Rat vorweg: Legen Sie zuvor die Fähigkeit zum „Fremdschämen“ in einen fest verschlossenen Tresor und öffnen Sie diesen nicht, bis der Fernseher ausgeschaltet ist. Ich persönlich bevorzuge daher eher eine klassisch chinesische Sichtweise, in der sich zum Beispiel ein guter Regent stets im Dunkel aufhält und für die Masse schlicht nicht in Erscheinung tritt. Trotzdem sorgte er für Brot, für ein Dach über dem Kopf und eine erfüllende Beschäftigung des Volkes und vermied es ausdrücklich, anzuecken oder schlechte Laune zu verbreiten. Das Gleiche sollte wohl auch für eine Auswahl von Menschen gelten, denen es obliegt, als Gewählte regieren und/oder in der Wirtschaft bestimmen zu dürfen, wohin die Fahrt gehen sollte.

Ein sehr interessantes Beispiel für die Schwäche, Schlussfolgerungen zu ziehen, ist die Entscheidung der niederländischen Behörden vor wenigen Tagen, eine sich in chinesischer Hand befindenden Firma über ein uraltes Gesetz zu enteignen und sich dann in der Situation wiederzufinden, das die chinesische Mutter dieser Firma die Teile nicht mehr liefert, die die enteignete Firma braucht, um produzieren zu können. Was mögen sich die Macher dieser Aneignung wohl gedacht haben? Ich weiß es nicht und ich wage mir auch gar nicht mir vorzustellen, was das wohl sein könne. Das europäische Modell, andere Völker zu deren Nachteil zu bestehlen war zwar viele Jahrzehnte lang ein erfolgreiches Geschäftskonzept, aber wir befinden uns heute an Anfang des dritten Jahrtausends und die ganze Welt ist vernetzt und verbunden. So etwas geht heute nicht mehr, ohne Reaktionen herauszufordern. Wussten das die Verantwortlichen nicht?

Ein weiteres äußerst verwegenes Begehren finden wir heute in der EU und ihrer Überlegungen, wie man wohl der Republik Russland seine Devisenbestände, die in Brüssel verwaltet und gebunkert sind, Zweckentfremden zu können. Da muss ich zunächst einmal erwähnen, das es bereits eine vollendete Tatsache ist, anfallende Zinsen daraus einem Feind Russlands zu schenken. Das ist erstens Vertrags- und Vertrauensbruch und kann zweitens als Diebstahl angesehen werden. Dann wird über die seltsame Gedankenkonstruktion nachgedacht, diese Bestände zur Absicherung für einem Milliardenkredit zu nutzen, die dann ebenfalls dem gleichen Feind übergeben werden sollen. Man argumentiert, das Russland nach dem Krieg wohl sowieso Reparationen zahlen müsse, um die Schäden seiner Kriegsführung auszugleichen. Das bedingt allerdings, das Russland seinen Krieg oder die Sonderoperation, – mir ist es ist egal, wie das beiderseitige Töten letztlich genannt wird – verlieren werde. Das allerdings steht erstens in den Sternen und es sieht zweitens zumindest zur Zeit meines Schreibens so ganz und gar nicht danach aus, als ob diese Phantasie wahr werden würde. Der Krieg gegen einen der großen Atommächte kann nicht gewonnen werden. Und Reparationen zahlen die Verlierer, nicht die Gewinner. So war es immer, und so wird es auch solange bleiben, bis man erkennt, das Krieg, Töten und Zerstören das Gegenteil von Funktional ist. Zum Krieg gehören immer zwei oder mehr, und niemand kann letztlich gezwungen werden zu kämpfen. Ein Land ist zerstört und mehr als eine Million Menschen, so munkelt man, sind unnötig gestorben. Ich zumindest werde nur für den Erhalt von Leben kämpfen, und nicht für oder gegen ein wie immer auch geartetes Feindbild einer aufgeheizten Meinungsrinne. Und Stehlen von Guthaben oder Zinsen samt dem damit verbundenen Vertragsbruch entbehrt in einem Rechtsstaat jeglicher Legalität. Oder gelten unsere Gesetze nur noch für eigene Staatsangehörige? Ich denke, solange wir in der Welt Handel treiben, mit anderen Ländern zusammenarbeiten oder auch nur Reisen wollen wohl doch eher nicht.

Immer wieder kann ich feststellen, das gerade die Kleinsten in ihrer Überheblichkeit für die größten Probleme sorgen, die in ihrem Umfeld zu bewältigen sind. Das ist von ausgeführten Hunden bis zu Staaten ein immer wiederkehrendes Phänomen. Zur Zeit hetzt die Regierung und die Medien eines kleinen Landes im Baltikum gegen den großen Nachbarn in direkter Nähe. Sie verlassen sich darauf, das sie durch die Mitgliedschaft in einem großen und „mächtigen“ Verteidigungsbündnis den Schutz der anderen Staaten erfahren werden. Nun, wenn ich die Statuten der Nato so genau durchsehe, ist das aber nicht in jedem Fall und automatisch gegeben. Dort steht nämlich, das jedes Mitglied des Bündnisses selbst entscheidet, ob es helfen, sich beteiligen oder anders aktiv werden möchte. Ein weiteres Nato-Land in dieser Region überlegt zusammen mit anderen, ob sie den Zugang zur Ostsee für den großen Nachbarn sperren können, obwohl das internationale Recht ausweist, das eine Internationale Route auf jeden Fall offen und frei befahrbar bleiben muss. Ich frage mich oft, was um alles in der Welt sich in den Köpfen abspielen möge, die solche gefährlichen Überlegungen anstellen. Haben sie die Anwesenheit von sehr starken Marineeinheiten des auserkorenen Gegners nicht wahrgenommen? Dieser Gegner verfügt weiterhin über sehr weitreichende Raketen, funktionale Hyperschallraketen und besitzt einige U-Boote mit verheerenden Waffen. Ist das egal, uninteressant oder was geht da schief? Glauben diese Leute wirklich, das sie so etwas ungestraft vollziehen können?

Dann führen die Mächte der Welt gerade einen verheerenden Sanktions- und Zollkrieg, untereinander und gegen auserkorene Feinde oder rivalisierende Staaten. Welche Interessen mögen diesen Verzerrungen wohl zugrunde liegen. Haben die Akteure nicht überlegt, das Sanktionen – was nichts anderes bedeutet als das die Sanktionierten nicht mehr in der ganzen Welt ver- und einkaufen können, was sie benötigen oder sich wünschen – auslösen werden? Was werden sie also tun? Werden sie sagen, ich kann zum Beispiel keine Nahrungsmittel in der Welt einkaufen und daher werden wir jetzt hungern oder werden sie sich bemühen, den Mangel aus eigener Kraft auszugleichen und sich weiter folgernd nicht nur in Sachen Nahrungsmittel, sondern auch in der Technik und natürlich auch im Energiegeschäft möglichst unabhängig zu machen? Und wie werden die Sanktionierten wohl reagieren, wenn die Sanktionierer dann irgendwann um diplomatische Kontakte bitten, weil sie irgendein Geschäft oder Handel über die Bühne zu bringen wünschen? So ergeht es gerade dem deutschen politischen Spitzenpersonal, die sich zu Gesprächen nach China eingeladen haben und nun feststellen müssen, das sich das Gastland uninteressiert zeigt und sich lediglich bereit erklärt, ein Gespräch nur noch auf niederer Ebene in China zuzulassen. In anderen Länder erfahren deutsche Reisende in Sachen Politik ähnliche Antworten. Überhaupt sind deutsche Politiker gerade nicht allzu beliebt auf der Weltbühne. Woran das wohl liegen mag? Sie haben sich doch viele Jahre lang ergiebig bemüht, anderen kräftig auf die Füße zu treten, sie belehren oder gar zu schlechten Geschäften überreden zu wollen. Ich muss wiederholen: Menschen honorieren es nicht, wenn sie ständig kritisiert, bevormundet, verspottet und/oder angegriffen werden. In diplomatischen Kreisen sollte das bekannt sein.

Um das bisher geschriebene in Kürze zusammenzufassen: Es herrscht in westeuropäischen Eliten zur Zeit ein nicht unerheblicher Mangel an „gesundem Menschenverstand“. Das kann meiner Ansicht nach begründet werden mit den einengenden Aufenthalten in den Elfenbeintürmen der Ausbildungsstätten und der politisch und pseudo-politisch tätigen Organisationen. Wir sollten überlegen, wie zumindest die Wirkungsstätten der Politik wieder mit Menschen gefüllt werden können, die einen praktischen beruflichen Hintergrund haben und zumindest über ein Mindestmaß an der Lebenserfahrung verfügen, die wohl nur durch eine jahrelange produzierende Tätigkeit erworben werden kann. Aber das wird wohl doch noch etwas Zeit brauchen. Bis dahin empfehle ich für elitäre Kreise die Einrichtung von verpflichtenden Weiterbildungskursen in Wahrnehmung, Logik, Diplomatie und Anstand. 1 Auch die Gründung eines Elitenbildungswerks abseits der Universitäten wäre zu überlegen. Ein Volksbildungswerk gibt es ja schon. Und ich denke, wir sollten die Kurse zu den genannten Themen dort für Amtsträger als verpflichtend einrichten. Wer schwänzt und wer unfähig ist, die Zertifikate zu erwerben, dem werden sofort die Diäten bzw. Vergütungen gekürzt. Und ich möchte den Verdacht nicht unterschlagen, das die Menschen Europas heute ohne Regierungen und Manager deutlich besser dran wären, zumindest mal für eine kurze Zeitspanne. In dieser könnten endlich einmal die Umsetzung aller beschlossenen Reformen abgeschlossen und alle Umorganisationen umgesetzt werden. Die Gerichte könnten ihre Stapel abarbeiten und die Wissenschaft wäre endlich mal in der Lage, den Status der Jetztzeit umfangreich zu hinterfragen. Überall, wo die Regierungsbildungen und Neuausrichtungen durch die Schwierigkeiten einer Einigung verzögert wurden, waren diese Wochen und Monate auch ein Segen für die betroffenen Menschen im Umfeld. Wir sollten daran anknüpfen. Lassen wir doch alles mal so wie es gerade ist, und regulieren dabei nur die Notfälle und treffen nur die unbedingt notwendigen unaufschiebbaren Entscheidungen. Aufgeheizte Phänomene lassen sich nur durch eine Pause regulieren. Haben wir uns jemals die Zeit genommen, eine beschlossene Reform langfristig zu erkunden und wirken zu lassen? Ich denke nicht. Reform folgte auf Reform folgte auf Reform folgte aus Reform. Neues braucht in der Breite aber seine Zeit. So wird das nichts. Wir sollten mal generell eine Reformpause machen.

Das Titelbild wurde erstellt von KI. Die Aufgabe: Zeige einen Hörsaal mit Schülern in Anzug und Kostüm. Eine Knarre im Klassenzimmer/Hörsaal vorzufinden scheint wohl mittlerweile Standard zu sein… zumindest für KI und/oder in der Phantasie einiger Schüler/Studierenden.

 

  1. Anstand bedeutet, sich mal genau die alten Merksätze anzuschaunen, die überall in unserer Kultur, Sitte und Religion verborgen sind: Du sollst nicht töten. Du sollst nicht schlecht Zeugnis ablegen wider deinen Nächsten. Was du nicht willst was man dir tue, das füge auch keinem anderen zu. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Ehrlich währt am längsten. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, auch wenn er bald die Wahrheit spricht.

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