Lästiges Tafelgerede

Während Politik und Wirtschaft gemeinsam für ein Absenken des Lebensstandards weiter Teile der Bevölkerung sorgen, kämpfen Politiker und Medien nach den Regeln der „Political Correctness“ einerseits einen sinnlosen Kampf gegen Menschen, die allzu deutlich aussprechen, woran es in unserer Gesellschaft krankt und versuchen andererseits verzweifelt, von den wirklich wichtigen Themen abzulenken.

Der große Aufreger der letzten Tage ist die Entscheidung einer Tafel, nur noch erkennbare Deutsche mit einem gültigen Ausweis zur Ausgabe zuzulassen. Man argumentiert dabei, dass zunehmend junge Männer mit fremdländischem Aussehen die bedürftigen Rentner und alleinerziehenden Mütter beim Anstehen an der Tafel verdrängen, einschüchtern und damit vertreiben. Man befürchtet, dass dieser Bevölkerungsgruppe damit nicht mehr geholfen werden kann und neue Not entsteht. Was die Betreiber der Tafeln angeht, kann ich dieses Argument durchaus verstehen, jedoch betrachte ich die Schlussfolgerung, die daraus gezogen wurde, als falsch. Die neuen Bedürftigen, die nach langen Tagen der Entbehrung und Not bis in unser Land kommen konnten, sind sicherlich nicht besonders zimperlich, wenn es darum geht, das Notwendigste zum Leben zu ergattern. Wer kann es ihnen auch verdenken, betrachtet man die Wege der Flucht nach und durch Europa einmal vorurteilsfrei. Das sind unsere alteingesessenen Menschen hier so nicht gewöhnt, das ist richtig. Aber Bedürftige vollkommen auszuschließen ist da auch keine Lösung. Vielmehr wäre es sinnvoll und auch zulässig, die Gruppen, die nicht miteinander anstehen können, zu trennen. Da würde sich eine zeitliche Abfolge anbieten, da wäre eine räumliche Trennung machbar oder wie auch immer etwas derartiges am jeweiligen Standort umgesetzt werden kann. Weiterhin gibt es bei Problemen dieser Art immer noch die Funktion der Ordnungskräfte (Polizei), die neben Politikern und Rechtsradikalen, neben Fußballfans und Konsulaten ja auch mal die Bürger dort schützen könnten, wo es notwendig ist. Ich finde, wenn der Staat die Existenz von Armut und Not zulässt und diese sogar maßgeblich fördert, sollte er auch für die Umsetzung der Versorgung, gleichgültig unter welcher Organisationform und auf wessen Initiative diese stattfinden, sichernd begleiten müssen.  Die Tafeln mit anderen Worten als Alibi zu missbrauchen und sie dann mit den Problemen im Stich zu lassen, ihnen dann auch noch vorwerfen, nicht korrekt zu agieren und sich erhaben und arrogant auf ein hohes Ross zu setzen ist gelinde gesagt eine Unverschämtheit. Des Weiteren sollte man Aufklärungsarbeit leisten, auch und besonders in den Milieus, die auf die Tafeln heute angewiesen sind. Es ist nicht tragisch, sich mit Menschen in eine Reihe zu stellen, die vor Krieg und Not fliehen mussten. Es ist auch nicht peinlich, damit zuzugeben, dass man Hilfe benötigt. Und ein wenig kämpfen müssen im Leben, auch mal um seinen Platz in der Anstellungsreihe, hat noch niemand wirklich geschadet. Und es ist auch möglich, sich als Hilfesuchender, Bedürftiger oder Helfer mal für schwächere Mitmenschen einzusetzen. Rüpel unter den Hilfesuchenden sind sicherlich nur einige wenige. Allgemeines Sozialverhalten vorausgesetzt, haben die somit eigentlich keine Chance, sich gegen eine Mehrheit durchzusetzen. Woran es meiner Ansicht nach mangelt ist Solidarität und die Bereitschaft, sich auch mal für andere als sich selbst einzusetzen. Diesen Mangel gibt es aber nicht nur an den Tafeln, sondern überall im öffentlichen Raum. Somit haben die Tafeln das gleiche Problem wie alle anderen Institutionen auch, wo man sich anstellen muss, sei es Bahn, Schalter, Kasse oder Amt. Es scheint mir so zu sein, dass in der Diskussion die Problemstellungen vollkommen verkannt wurden. Es ist die Scham der einen, die Gewöhnung an das Leid der Anderen sowie die Gleichgültigkeit der Vielen, dass hier Schwierigkeiten entstehen. Wir sollten hier nicht weiter teilen und herrschen, sondern vielmehr Abhilfe schaffen, indem die Probleme an der Wurzel gepackt werden. Die Wurzel ist die Armut der Menschen und das Versagen der Gesellschaft, für diese Armen und Notleidenden mit sinnvollen Maßnahmen zu sorgen.

Weiterhin ist es nicht erklärbar, warum es Armut in einem reichen Land überhaupt geben kann. Hatte man das Problem denn nicht schon von Anfang an vor Augen zu haben, das es in einer derart auf Leistung getrimmten Gesellschaft auch eine große Zahl von Menschen geben muss, die den unteren Abschnitt der Platzierungen belegen müssen? Es kann doch nicht nur Leistungsträger geben, die sich aus der Masse hervorheben, es muss auch die Masse geben, die das Hervorheben erst möglich macht. Überall, von der Schule über den Beruf bis zur Rente/Pension wird verglichen und werden Hierarchien gebildet. Wo Erfolg ist muss es auch Misserfolg, wo es Reichtum gibt muss es auch Armut geben, wo es Gewinner gibt erscheinen folglich auch Verlierer. Der Erfolgreiche definiert sich auf dem Misserfolg der Anderen, der Reiche definiert sich auf der Armut der Anderen.

Weiterhin kann es sich eine Gemeinschaft, die die Menschenwürde in der Verfassung garantiert, es sich nicht leisten, Menschen in eine Armut oder sogar ins Abseits  abgleiten zu lassen. Hier ist es eine gesellschaftliche Aufgabe, das Lebensnotwendige für alle in einer leicht erreichbaren Form zu gewährleisten. Und sollten widrige Umstände dazu zwingen, dass dieses mit vorhandenen Mitteln nicht zu schaffen ist, muss die Gemeinschaft mit aller Macht für Abhilfe sorgen. Es ist eine Grundvoraussetzung für ein Leben in Freiheit, nicht um die Bedingungen der Erfüllung von Würde kämpfen zu müssen. Sie ist unantastbar, so steht es im Gesetz. Dieses zu gewähren ist eine der grundlegenden Aufgaben des Staates, seiner Ordnungshüter und Mandatsträger.

Es wäre allen mehr geholfen, wenn man statt über „Political Correctness“ zu diskutieren etwas zu Lösung der Verhältnisse beitragen würde. Aber wir alle sind ja leider viel zu sehr damit beschäftigt, zu den Gewinnern zu gehören statt uns um die Verlierer zu kümmern. Das scheint so gewollt zu sein, oder etwa nicht?! So zumindest scheinen mir die Gesellschaften strukturiert zu sein, die wir frei und demokratisch nennen und die wir als das non plus Ultra überhaupt ansehen. Etwas genauer hinzusehen kann meiner Ansicht nach durchaus nicht schaden!

Kommentar hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.