Das abgründige Narrativ

Wie wäre eine globale Welt ohne Kriege? Kann sich jemand noch vorstellen, die Zeitung aufzuschlagen und nur zu lesen, das ein neuer Kindergarten eröffnet, eine neue Klinik geplant und neue Kulturhäuser geschaffen werden sollen. Wir berichten dort über unsere Hilfen in aller Welt, und wie dankbar die Menschen dort sind, wenn wir ihnen die Hand reichen, ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Kann sich jemand vorstellen, dass unser Militär nur noch schweres Gerät bereithält, um im Katastrophenfall helfen zu können. Sie kommen dann mit Schaufeln und Baggern, bringen Nahrung und wärmende Decken, sorgen für ein Dach über Kopf anstatt mit der Knarre im Anschlag durch die Straßen zu patrouillieren oder mit Panzern die Natur zu verwüsten. Kann sich noch jemand vorstellen, wie das wäre, wenn all die Mittel, die in Krieg und Waffen gesteckt werden, der Forschung und Entwicklung auf der ganzen Welt zufließen würden. Es müsste keinen Hunger geben, keine Not, nirgendwo! Und hat sich einmal jemand gefragt, was wir hier in Frankfurt davon haben, wenn in Syrien mit unserer Hilfe ein anderer Regent auf dem Thron säße? Und fragt sich jemand noch, warum eigentlich die Armen dieser Welt aufbrechen, um in der Fremde ihr Glück zu suchen?

Hat sich einmal jemand gefragt, wer von diesem unfunktionalen Zustand der Welt profitiert? Wer hat ein Interesse daran, dass Menschen sich bekriegen, das Not und Armut auf der Welt verbreitet ist und immer mehr Macht durch immer weniger Hände repräsentiert wird. Die Antwort darauf ist sehr schwer, denn es sind nicht immer nur die anderen, sondern es sind immer auch wir selbst, die dafür mit unserer Erzählung, unserem Narrativ, die Ursache bilden. Vielleicht ist es Zeit, unsere Erzählung zu ändern, sich an einige dieser alten Worte (s.o.) zu erinnern und endlich, und vielleicht noch rechtzeitig, die Kurve zu kriegen.

Ich träume oft von Vielfalt, Freiheit, von einer ganz bunten Welt. Und ich besuche gerne andere Völker, um von ihnen zu lernen, um mir selbst Alternativen zu erschließen, für mich neue Ideen zu finden und andere Gewohnheiten, bessere, zu entwickeln. Mein Sport stammte aus Japan, mein Yoga kommt aus Indien, meine Art zu meditieren stammt aus China, ich liebe tailändische Massagen, afrikanische Trommeln und südamerikanischen Kaffee. Deshalb kann ich Krieg, Not und Verzweiflung in den Gesichtern der Welt nicht gebrauchen. Also schon aus purem Egoismus sollten wir aufhören, die Welt zu zerstören. Wie wäre es, die Menschen überall auf der Welt so leben zu lassen, wie sie das möchten. Und sollte ein Volk hungern, bringen wir nur Essen, helfen mit unserer Technik über die Not hinweg, und reichen die Hände. Und unser Narrativ, wie immer es dann auch aussehen mag, lassen wir zu Hause.

Unser aktuelles Narrativ beruht seit vielen Generationen auf einer brutalen Ausbeutung von endlichen Ressourcen und Menschen zugunsten weniger. Es ist im Prinzip die immerwährende Fortsetzung unserer grausamen Geschichte, nur abgefüllt in neuen Schläuchen. Wir müssen diese Erzählung verändern, müssen uns besinnen und erkennen, das Leben jeder Form und Art ein Geschenk ist, das Leben, egal wie es aussieht, nicht einfach nur ein Mittel zum Zweck sein darf. Leben an sich ist einzigartig, ein Wunder, ein Geschenk, eine Gabe, etwas unendlich Großes. Wir sollten es nicht verleugnen, indem wir Neigungen wie Gier, Hass und Neid fördern, und parallel die großen Errungenschaften des Menschen, Liebe und Mitgefühl, Glück und Würde in den Abgrund stoßen. Wir müssen diese unsere Erzählung ändern, dringend. Es bleibt wahrscheinlich nur noch wenig Zeit.

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