Das abgründige Narrativ

Kann es eigentlich noch schlimmer kommen? Wie wird unser Land, unser Europa aussehen, wenn unsere politische Prominenz so weiter wurstelt wie bisher? Werden Zäune und Abkommen reichen, oder müssen wir große hohe Mauern an unseren Grenzen errichten, Selbstschussanlagen und Fangzäune, damit wir in unserer von Angst getriebenen Sicherheitswahn ein erbärmliches Dasein hinter Mauern fristen? Gibt es nicht schon genug Angst, Angst ohne erkennbaren Grund, Angst ohne erkennbaren Gegner, Angst ohne Bedrohung, Angst vor Versagen, Absturz oder einfach nur vor der Zukunft. Und wie sehen Gegenentwürfe aus, falls es sie überhaupt gibt, Entwürfe gegen die Angst, gegen das Elend, gegen das Zaudern, das Verzweifeln und die Unfähigkeit?

Wir lesen es jeden Tag. Die Welt ist schlecht. Es droht die nächste Krise, obwohl die gestrigen der gleichen Art noch gar nicht ausgestanden sind. Und der neue, ganz moderne Krieg wird vorbereitet. Angriffskriege sind ja künftig erlaubt, werden stattfinden, schon weil ihre Vorbereitung nicht (mehr) strafbar ist. Und angreifen kann man überall, sogar im Cyberspace. Das Völkerrecht spielt weitestgehend keine Rolle mehr. Die Großen haben sich eigentlich noch nie daran gehalten, und wir, jetzt auch groß, aber nur im Geiste, folgen diesem Beispiel. Die Kleinstaaterei hat Hochkonjunktur. Und die Wahrheit ist variabel geworden. Jeder hat seine eigene Wahrheit, seine eigene Wirklichkeit. Es gibt alternative Fakten, alternativlose Handlungen, gefälschte Nachrichten, Desinformation, Propaganda… Und wir? Wir sind hilflos, verloren und können nichts mehr tun als warten, den Kopf im Sand und hoffentlich, ja hoffentlich wird bald ein Wunder geschehen. Und solange und um es auszuhalten, spielen wir das alte Spiel, das wir immer schon gespielt haben: Mir geht es ja gerade noch gut und deshalb „immer weiter so“. Es könnte auch noch schlimmer kommen.

Ist das wirklich schon das Ende der Entwicklung? Haben wir in der westlichen Welt den Gipfel endgültig erklommen und können nur noch absteigen? Geht es wirklich nicht mehr höher? Sitzen wir auf dem höchsten Gipfel unserer Möglichkeiten, wo wir nur noch unser Vorräte aufbrauchen, den letzten Schluck aus der Pulle nehmen und dann auf das Ende warten (müssen)?

NEIN, NEIN, und noch einmal NEIN!

Mir scheint, unser Denken hat sich verlaufen. Wir sind einem hässlichen Narrativ 1, einer absurden Erzählung aufgesessen, die alles und jedes nur noch in harter Währung rechnet. Und dabei haben wir vergessen, dass es neben diesen berechenbaren Erscheinungen noch anderes gibt, anderes, das sich nicht in Mark und Pfennig ausdrücken lässt. Was ist mit Logik? Was mit Freundschaft? Verständnis? Solidarität? Gemeinschaft? Frieden? Was ist mit Würde? Was mit Liebe und Mitgefühl? Was mit Freiheit? Was ist mit Sein? Upps, einige dieser Begrifflichkeiten sind unbekannt? Das Wort wird zwar noch als solches erkannt, aber die Bedeutung? Ja, so ist das mit den Fähigkeiten, die die größten Errungenschaften des Menschseins darstellen: Sie müssen geübt werden, um en vogue 2 zu sein und zu bleiben. Dafür fehlte in den Krisenwellen nicht nur die Zeit, sondern auch der Wille, die Vernunft und die Fähigkeit, sie immer wieder an die heranwachsenden Menschen zu vermitteln.

Über die Würde, speziell die Menschenwürde, gibt es hier auf dem Blog bereits einen Artikel. Viele andere solchen Inhalts werden folgen müssen auf der ganzen Welt, um jeder für sich einen kleinen Beitrag zu leisten dafür, das Unheil vielleicht doch noch aufzuhalten, für das es eigentlich keine wirkliche Ursache gibt. Denn für die Aufgabe unserer Menschlichkeit gibt es wirklich keinen Grund. Es gibt keinen Grund für die Tatsache, dass Milliarden Menschen  arm sind, zu wenig besitzen, um Mensch zu sein, in Würde und in voller Beteiligung an der Gemeinschaft. Es gibt auch keinen Grund, Schulen, Krankenhäuser und andere Infrastruktur verrotten zu lassen, keinen Grund, vieles in die Luft zu sprengen, zu bombardieren, die Luft zu verpesten und unappetitliches Essen aufzutischen, keinen Grund, zu sagen: „Wer nicht (für uns) arbeitet, soll auch nicht essen“ oder auch einfach nur: „Wir wollen euch nicht dabeihaben“.  Ich glaubte, das alles gehöre der Vergangenheit an, einer Zeit, in der unser Horizont nicht weit über unser Sichtfeld hinausragte. Aber heute leben wir global. Ich war schon in Mexiko und Kanada, war in Südafrika und Myanmar, und bald werde ich der Liste Kuba hinzufügen. Und überall, wo ich ankam, wurde ich freundlich empfangen, fand ich Gastfreundschaft und nette Menschen, die sich interessiert mir zuwandten. Ich kann sogar nach Russland fliegen, nach China und sonst wohin, alles ist möglich. Die wenigen Ecken auf unserem Erdball, wohin man nicht gehen sollte, werden meist gerade durch unseren Einsatz verwüstet, durch unseren Anspruch, dort Rohstoffe zu erbeuten, dort unsere Nahrung einzufangen oder einfach nur unser System zu etablieren, ohne auf die Besonderheiten der dort lebenden Menschen Rücksicht zu nehmen. Wir kommen entweder mit Waffen, oder beliefern damit einheimische Gruppen, nutzen deren Träume von Macht und Einfluss, um das eigene Land gefügig machen und so vorzubereiten für unsere Ausbeutung. Der Krieg in Syrien ist ein solcher Konflikt, die Unruhen in Südamerika gehören in diese Kategorie, der Großteil der Unruhen des afrikanischen Kontinents ebenso. Nicht anders geschieht es in Asien, nur sind hier die Akteure, die Lieferanten und Nutznießer, manchmal noch andere.

  1. Wikipedia erklärt es umfangreich und erschöpfend
  2. in Mode
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