Die Aufgabe der Philosophie

Wer heute den Begriff Philosophie gebraucht, wird, wie in Suchmaschinen leicht zu sehen, Vorstellungen und Definitionen dieses Wortes bekommen, die mit einer klar abgegrenzten Wissenschaft wenig bis nichts zu tun haben. So schreibt Wikipedia in der Einleitung, das…

In der Philosophie (wörtlich „Liebe zur Weisheit“) versucht wird, die Welt und die menschliche Existenz zu ergründen, zu deuten und zu verstehen. Von anderen Wissenschaftsdisziplinen unterscheidet sich die Philosophie dadurch, dass sie sich oft nicht auf ein spezielles Gebiet oder eine bestimmte Methodologie begrenzt, sondern durch die Art ihrer Fragestellungen und ihre besondere Herangehensweise an ihre vielfältigen Gegenstandsbereiche charakterisiert ist. [Wikipedia: Philosophie]

Sodann wird diese Disziplin sogleich in ihre Teilbereiche (Ethik, Metaphysik, Ontologie…) unterteilt, gefolgt von jeweils einer Einführung, die sich mit der Entwicklung dieser Wissenschaft bis von vor Christus bis heute beschäftigt und schon dann, nach einem kurzen Abschnitt über Sinn und Zweck…

Wer ernsthaft philosophiert, stellt kritische Fragen an die ihn umgebende Welt sowie an sich selbst, lässt sich im Idealfall nicht so leicht täuschen oder von anderen seelisch-geistig manipulieren, übt sich in Wahrhaftigkeit und begeht nicht so leicht Fehlschlüsse. Ein kritisches Potenzial der Philosophie liegt im Hinterfragen der gesellschaftlichen Verhältnisse ebenso wie in einer Relativierung der Ansprüche von Wissenschaften und Religionen. Hierbei beschränkt sich die Philosophie nicht auf die kritische Analyse, sondern sie liefert auch konstruktive Beiträge… [Wikipedia: Philosophie]

Bei dem auf individuellen Nutzen gerichteten Philosophieren sind vor allem zwei Arten oder Ausrichtungen zu unterscheiden: Das Streben nach Weltweisheit soll dem Verstand Orientierung und Sicherheit in allen lebenspraktischen Bezügen verschaffen und die Fähigkeit zu sinnvoller gedanklicher Einordnung alles Begegnenden begünstigen. Es soll gleichsam die Unerschütterlichkeit des eigenen Verstandes durch das Geschehen in der Welt bewirken, sodass der Intellekt jede Lebenssituation souverän zu verarbeiten vermag. [Wikipedia: Philosophie]

Demgegenüber legt die Philosophie als Lebensweise den Akzent auf die Umsetzung der Ergebnisse philosophischer Reflexion in die eigene Lebenspraxis. Auf die richtige Weise zu leben und den Lebensalltag zu gestalten, setzt hiernach ein in vertiefter Form eingeübtes und daraus sich entwickelndes richtiges Denken voraus. Und umgekehrt ist es zur Beglaubigung des philosophischen Denkens nötig, dass es sich in der Lebensweise erkennbar spiegelt. [Wikipedia: Philosophie]

…bereits ausgiebig mit den Formalien, Abgrenzungen und dem Vokabular zu beschäftigen, die jeden „Normalbürger“ (in Gegensatz zum studierten Philosophen) veranlasst, das Buch, die Webseite oder das Studienmaterial wieder den Schrank oder die Auslage zurückzulegen. Die eigentlichen Aufgaben dieser Wissenschaft sind aber nicht in der Beschäftigung mit sich selbst zu suchen, sondern wurden bereits oben dezidiert benannt:

  • Wer ernsthaft philosophiert, stellt kritische Fragen an die ihn umgebende Welt sowie an sich selbst.
  • Es soll gleichsam die Unerschütterlichkeit des eigenen Verstandes durch das Geschehen in der Welt bewirken.
  • …legt die Philosophie als Lebensweise den Akzent auf die Umsetzung der Ergebnisse philosophischer Reflexion in die eigene Lebenspraxis.

Meines Wissen ist die Aufgabe, kritische Fragen an die Welt zu stellen, heute selten bis nicht zu bemerken, wenn ich die Welt als alles definiere und nicht die „Welt der Philosophen untereinander“ meine. Diese Fragen sollen dann mit Unerschütterlichkeit gestellt werden und zu einer Lebensweise des Philosophen führen, die das Ergebnis der Reflexionen in der Lebenspraxis bezeugt. Davon ist in meiner Welt wirklich nichts mehr zu sehen. Von daher möchte ich die höchst kritische Frage stellen, ob es heute eigentlich noch Philosophen gibt, wo und wofür diese denn arbeiten und wo ihre Ergebnisse in verständlicher Form dargestellt und vermittelt werden. Zumindest in den öffentlichen Vermittlungsanstalten sehe ich selten Philosophen wirken und der eine, der dazu noch Sendezeit bekommt (Precht), wird meist spät in der Nacht ausgestrahlt und gibt sich mehr als Entertainer und Interviewer prominenter Gesprächspartner denn als Philosoph. Ich zumindest kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass er überwiegend versucht, seine ureigensten Vorstellungen von Welt und Gesellschaft zu vermitteln als sich der Aufgabe zu stellen, Fragen von Bedeutsamkeit zu formulieren. Wie auch immer.

Soweit zur Beschreibung der Realität „Philosophie“ heute, wie sie sich mir in meiner kleinen begrenzten Weltsicht darstellt. In meiner Vorstellung stellt sich die Welt jetzt so dar, dass maßgebende Persönlichkeiten zurzeit vehement versuchen, eine Ordnung zu schaffen, die im allgemeinen Sinne ein Leben in Toleranz durch Andersdenkende und Sicherheit in jeder Form gewährleistet und die über das Motiv Leistung das bewährte System unter allen Umständen zu erhalten sucht. Dabei werden Besitzstände bevorzugt gesichert, wird Abhängigkeit meist bewusst geschaffen und erhält Ausbeutung den Vorzug vor Bewahrung.

Zu jedem dieser Begriffe stellen sich automatisch eine ganze Reihe von Fragen ein, die bereits heute auf breiter Front diskutiert werden müssten, um diese Welt auch für künftige Generationen noch lebenswert zu erhalten. Auf breiter Front diskutieren heißt zunächst einmal Meinungen, Vorstellungen, Beiträge zu sammeln, miteinander in Beziehung zu setzen und darüber sich auszutauschen. Vorgegebene Ansichten sollten dabei den Prozess nicht lenken, wie es heute meist geschieht, sondern sind und bleiben nur ein Puzzlestück unter vielen. Es geht darum, zu ordnen, zu schauen und vor allem zu staunen über die Vielfalt der Möglichkeiten und dann mit Bedacht zu wählen.

Ist eine Ordnung, also die Form des gewohnt erscheinen Zusammenlebens unserer Zeit, die vielfältiges Leiden hervorbringt (Armut, Krankheit, Erschöpfung, Hunger, Not, Elend), nicht besser im Begriff „Unordnung“ definiert, weil doch das Gute in der Regel „in Ordnung“ ist, das Unübersichtliche, Schlechte aber in der Regel als Unordnung empfunden wird? Was wären hierbei konkret die Schritte, die dann wirklich Ordnung zu schaffen vermögen?

Ist Toleranz, was frei übersetzt „ertragen“ bedeutet, nicht eine Haltung, die das funktionale Zusammenleben von Menschen nicht zu fördern vermag. Ertragen heißt nicht verstehen, nicht mitfühlen, bewirkt nicht Offenheit und Vertrauen. Sind also unser Gesellschafts- und Rechtssysteme, die nahezu ganz auf Toleranz aufbauen, also alles regeln, was wir als Mitglied der Gesellschaft zu ertragen haben, nicht vom falschen Ende her aufgezogen? Müsste nicht vielmehr Glück und Mitgefühl im Zentrum unseres gesellschaftlichen Bemühens stehen? Und wie verträgt sich die Neigung zu Toleranz mit der Würde, die wir jedem Menschen zugestehen?

Sicherheit steht gerade heute wieder groß in Mode. Die Frage beschränkt sich heute nahezu ausschließlich auf den Begriff „Unversehrtheit“. Andere Unsicherheiten aber, wie das Aufgefangen werden durch die Gemeinschaft, die Hilfe und Teilhabe zu gewähren habe in Zeiten von Schwächen und Rückschlägen, Hilfen also, die auf Vertrauen und Zusammenhalt beruhen müssen, werden dabei selten hinterfragt. Wie kann Sicherheit im umfassenden Sinne für alle geschaffen werden, eine Sicherheit, die Vertrauen erhält und Leiden zu vermeiden sucht? Welche Möglichkeiten bieten sich zur Schaffung einer sicheren Welt für alle Menschen? Reicht es aus, Sicherheit für die Meinen zu schaffen und die der anderen nicht zu berücksichtigen. Ist das zurzeit gültige Prinzip, das wir gerne als Freiheit verzeichnen, wirklich die einzige Form des Zusammenlebens, die Sicherheit zu bieten vermag?

Was wir leisten, was wir geschaffen haben und zu schaffen gedenken, was wir Tag für Tag Tun und ob dabei der Erfolg sich in Wohlstand und haben dürfen messen lässt, scheint das Grundprinzip unserer „Leistungsgesellschaft“ zu sein. Wir messen Leistung in Geld, Punkt. Muss das so sein? Ist Geld haben, also Schuldscheine besitzen, wirklich der Inbegriff von Leistung? Oder sollte nicht die Arbeit, die Leiden vermindert und/oder Glück schafft, besser als Leistung vermessen werden. Wie kann das gesellschaftlich in eine Ordnung gegossen werden, das nicht Geld, sondern Glück das oberste Prinzip darstellt. Und was machen wir dann mit den Schuldscheinen und dem ganzen Zeug, das fürs Glück eigentlich keinerlei Nutzen bringt? Wie lässt sich die Schimäre Geld in die Leuchtkraft des Glücks veredeln? Wie lässt sich „Unglück“ und Leiden in ein medial verwendbares Bild verwandeln, das gesehen wird, um eine Veränderungsbemühung auszulösen?

Um die Begriffe Besitzstände, Ausbeutung und Abhängigkeiten kann ein kurzer Abschnitt in diesem Artikel nicht ausreichen, um die  Verdrehungen, Missbildungen und Ungerechtigkeiten zu beschreiben, die zurzeit gefahren werden. Unsere Form der Besitzstandswahrung ist eine der größten Ungerechtigkeiten dieser Welt. Besitzen sollte der Mensch nach logischen Gesichtspunkten nur, was er benötigt, was er im Namen aller verwalten und auch nutzenbringend verwenden kann. Land, Nahrung, Wasser, Bodenschätze sind natürliche und begrenzte Ressourcen und sollten daher nicht von wenigen privaten Händen besessen werden. Geschieht das trotzdem, ist Hass, Missgunst und Neid die zwangsläufige Folge und führt damit automatisch zu Leiden. Das Zuviel des einen ist das Zuwenig des anderen. Das kann nicht gut gehen.

Zum gleichen Motiv gehört das Thema Ausbeutung. Beute machen, was das Wort schon mehr als deutlich sagt, ist anderen etwas wegnehmen. Die natürlichen Ressourcen so auszubeuten bedeutet, den nachfolgenden Generationen das Leben zu erschweren, später Leiden zu verursachen.
Das Ausbeuten von Menschen heute, sei es durch schlecht bezahlte Arbeit, sei es durch Abhängigkeiten zu schaffen im Bereich Nahrung und Wasser, sei es durch Schaffen von Angst vor Krieg und Niedertracht, ist mit Logik nicht vereinbar. Der Misshandelte wird sich irgendwann widersetzen, wird sein Recht einfordern oder sogar Rache üben wollen. Niemand kann das wünschen. Wir alle leben auf einer einzigen Welt. Sie, ob Schätze, Menschen oder Natur, über alle Maßen hinaus auszubeuten, heißt Leben in Tod zu verwandeln, vielleicht nicht gleich für uns heute, aber für nachfolgende Generationen auf jeden Fall. Was wir tun müssen, ist die Welt in ihrer jetzigen Form zu erhalten.

Zum letzten Motiv stellt sich die Frage gar nicht mehr, ob wir so weitermachen dürfen. Wie eine Veränderung aussehen kann, welche Maßnahme welche Impulse geben wird, was getan werden kann, bleibt immer in Ungewissheit verhaftet. Trotzdem müssen wir etwas tun. Auch hierzu sind Fragen zu stellen in der Hoffnung, eine Antwort zu finden. Ich glaube zutiefst daran, dass eine Frage, richtig gestellt, die wahre Antwort bereits beinhaltet. Das genau ist die alles übertrumpfende Aufgabe der Philosophie. Sie sollte sich daher nicht beschränken dürfen mit Vergangenheit und deren Beschreibung, sondern sollte ihre Aufgabe heute erfüllen. Die Aufgabe, wissenschaftsübergreifend die Fragen zu stellen, die zu sinnvollen Antworten und in der Folge zu Lösungen führen können, ist ein philosophisches Grundprinzip. Dazu wurde diese Wissenschaft einst geschaffen. So lebten die Großen dieser Disziplin wie Sokrates, Platon, Nagarjuna und viele andere. Wir brauchen diese Frage-Techniken heute wieder mehr als je zuvor.