Das Fundament moderner Einstellungen

Es sind Einstellungen, die uns zu Anhängern bestimmter Ideen, Moden oder Zeitgestaltungen machen. Und wir müssen uns wieder einmal umfassend [1. umfassend bedeutet: Das betrifft viele Menschen in Europa] fragen, ob wir weiterhin zu denen gehören wollen, die irgendwie von irgendwem eingestellt werden wollen und die irgendetwas hinterher laufen, was nicht auf einer eigenen freien Entscheidung beruht. Nun war das auf die eine oder andere Weise schon immer so, aber heute wird das Problem wesentlich verstärkt durch die vielfältigen Möglichkeiten der Kommunikation.

Einstellungen in diesem Sinn sind Konventionen, sind der sogenannte Zeitgeist, ist die sogenannte politische Korrektheit, sind die sogenannten Werte und die ganzen Verhaltensnormen, zu denen sich immer mehr Zeitgenossen durchringen und auf die sich immer wieder berufen wird, ohne dass diese jemals diskutiert, besprochen oder ob darüber abgestimmt wurde. Diese Einstellungen sind für die Masse gemacht und sie verfolgen einen Zweck. Dieser Zweck ist in der westlichen Welt eng mit dem Wirtschaftssystem verknüpft, in dem nicht mehr der Mensch, sondern der Profit die größte Rolle spielt. Es stimmt zwar, dass alle zu den Profiteuren gehören können, aber nur wenige werden es auch wirklich erreichen. In der Praxis müssen aber alle zumindest etwas profitieren, denn nur so entsteht Frieden in einer Gesellschaft. Diese besteht in einer globalisierten Welt auf dem Globus, und es darf dort keine großen Verlierer geben. Wir sind weit von einer Lösung entfernt, finde ich.

Unsere Einstellungen heute werden geprägt von Informationen, die uns über Medien vorliegen und die den Prozessen entspringen, in denen unser Alltagsleben abläuft. Das trifft für die Arbeitswelt zu, das trifft auf unser Konsum- und Einkaufsverhalten zu sowie auch auf unsere politische und gesellschaftliche Ausrichtung, die so zu einem vorbestimmten Wahlverhalten nötigt. Weite Teile unseres Eingetaucht-Sein in die Gesellschaft sind/werden permanent von Fachleuten durchkonditioniert, deren Beruf die gezielte Beeinflussung von Kunden und Zielpersonen verfolgt. Bestes Beispiel dafür ist das gesamt Geschäft der Werbung, weitere sind die Public Relation Abteilungen der Firmen, Organisationen, Parteien, Medien und Interessengruppen. Dieser Beeinflussung kann sich nahezu niemand mehr entziehen. Sie erfolgt überwiegend über die Verbreitung positiv geprägter Slogans [2. Schlagwörter: zurzeit Sicherheit, Gerechtigkeit] und Bilder, die aus Träumen zu stammen scheinen  [3. Autos, die fliegen, Menschen, die schweben, Glück allerorten]

Zwei oder drei Beispiele mögen das beleuchten: Essen im Einwanderungsland Deutschland ist vielfältig und kunterbunt. In jeder Jahreszeit und zu jedem beliebigen Zeitpunkt sind alle nur denkbaren Nahrungsmittel verfügbar. Kein Winter, kein Hagelschlag oder gar Lieferengpässe leeren in den Supermärkten, den Restaurants oder Buden die Regale. Es gibt alles und überall. Wurden vor Jahren die Reduzierung von Fetten proklamiert, werden heute alle möglichen Inhaltsstoffe eingeschränkt angeboten und versorgen damit einen neuen und teuren Markt, deren Ursachen [4. Krankheiten, Allergien, Unverträglichkeiten] wahrscheinlich erst geschaffen wurden, weil die Herstellung entsprechender Nahrungsmittel möglich wurde. Trotzdem werden die Menschen nicht gesünder, schlanker oder kraftvoller. Das Gegenteil scheint eher der Fall zu sein. Auf der anderen Seite kommen unsere Winterfrischwaren aus warmen Ländern, in denen große Investoren riesige Anbauflächen bewirtschaften. Diese Anbauflächen fehlen aber dann den einheimischen Bauern, die ihren Bedarf somit nicht mehr decken können. Hunger entsteht auf diese Weise, und Hunger ist nun einmal für die Betroffenen nicht profitabel.
Ein weiterer Fall erzählt aus eigenem Erleben: Ich besitze seit kurzem ein Handy, das von der Größe und den Verwendungsmöglichkeiten meinen Bedarf um mehr als das 50fache übersteigt. Seine Anschaffung wurde notwendig, weil der Standard der Gesellschaft mittlerweile eine permanente Erreichbarkeit voraussetzt. Ob Facebook, Whatsapp, altmodische E-Mail oder SMS, alles muss gehen, alles muss laufen, Links müssen sich öffnen lassen, Bilder müssen angeschaut oder versendet werden können. Überall begegne ich der Frage, wie ich erreichbar sei. Diese Aufgaben alle konnte mein älteres Gerät nicht mehr oder nur begrenzt erfüllen und somit… Vor 20 Jahren noch kam ich mit einem einfachen Telefon vollkommen aus, war mein Alltagsleben damit sicher organisierbar. In den sechziger und siebziger Jahren organisierte sich eine riesige Protest- und Friedensbewegung ohne den Einsatz heute üblicher Kommunikationsmittel. Es gab reichlich Demos und Besetzungen, Barrikaden und Aktionen. Man traf sich im Park, redete miteinander, verabredete sich in großzügigen Zeitfenstern und wartete dann auch schon mal eine halbe/dreiviertel Stunde lang auf das Eintreffen der Teilnehmer. Ginge das heute in dieser Form auch noch? Ich glaube nicht.

Das Arbeitsleben der sogenannten guten Jahre [5. 1970-2000???] war einfach und übersichtlich. Die Arbeit begann um 7:30 Uhr und 16:30 war Feierabend. Dann gab es noch zwei Stunden Zeit zum Einkaufen und es ging ab nach Hause. Nach Ladenschluss hatte dann auch das Verkaufspersonal Feierabend, so dass sich alle Freunde gegen 20:00 Uhr zur Geburtstagsfeier einfinden konnten. Und gegen 1:00 Uhr morgens war der Abend zu Ende. Die Lokale schlossen, das Fernsehen zeigt ein Testbild, es war Zeit zum Schlafengehen. Wie ist das heute? Organisieren Sie mal eine Geburtstagsparty. Sie werden Probleme bekommen beim Termin, den Speisen und allen anderen Einstellungen, die so herumgeistern.

Ein moderner Tag: Manchmal liegt bereits gegen 6:30 Uhr die erste Mail des Arbeitskollegen auf dem Handy, der krank geworden ist oder sich verspäten wird. Auf dem Weg zum Betrieb werden schon die Inhalte der ersten Besprechung durchgedacht, die gleich nach Ankunft stattfinden wird und deren Unterlagen per Handy übermittelt wurden. Am Abend, kaum zu Hause angekommen, wird der mitgebrachte Betriebsrechner aufgestellt und eingeschaltet, weil ja gegen 20:00 Uhr noch schnell eine E-Mail versendet werden muss, die bis zum Feierabend den Genehmigungsweg nicht geschafft hat. Es gibt sogar Menschen, die auf Abruf bereit stehen, um Arbeiten durchzuführen, wenn sie gerade anfallen und die gar nicht wissen, wann und wie lange sie arbeiten werden müssen. Auf den Baustellen der überfüllten Autobahnen wird nachts gearbeitet. Bis 24:00 Uhr kann ich einkaufen gehen und finde tatsächlich einen Beschäftigten dort vor, der meine vergessene Milchtüte durch den Scanner zieht. Muss das wirklich sein? Da ist nämlich nichts mehr einfach und schon lange nichts mehr sicher. Das Arbeiten ist zum einem Spielball degeneriert, der uns nicht mehr zur Ruhe kommen lässt.

Für ein intensives Gesellschaftsleben bei uns und für den Frieden der Welt sind diese Beispiele in meinen Augen das pure Gift. Die Freiräume und das Mensch-sein-können verschwinden. Und getriggert wird dieser sich steigernde Trend mit Aktivitäten, die das Ziel verfolgen, aus der Arbeitszeit noch mehr herauszuholen, aus den technischen Möglichkeiten mehr und schneller gezielte Werbung und Information an den Menschen zu bringen und so die Bedürfnisse zu schaffen, für die ich im Wachstumsmodus Waren und Dienstleitungen anbieten kann. Und dafür wird gelogen und betrogen, was das Zeug hergibt. Was ist Werbung anderes als Lüge? Was sind Informationen, die mich nicht informieren, sondern zu beeinflussen suchen, anderes als Lügen? Jeder Politiker lügt in seinen Wahlauftritten, denn er weiß nicht und verspricht, was er nicht wird halten können. Jede Nachricht, die nicht neutral formuliert ist, die also eine Wertung enthält, lügt. Es ist eine riesige Flut, die über uns ständig hereinbricht. Und die Illusion, dass wir das alles schon im Griff haben und natürlich und selbstverständlich wissen, dass das alles auch Lügen sind, und das wir unterscheiden können, diese Illusion lügt auch!
Wir müssen ja nicht auf das gute Essen, das Handy und die moderne Arbeitswelt und deren Möglichkeiten verzichten. Aber wir müssen uns bewusst werden, womit wir es bei den modernen Fluten allerorten zu tun haben, und wir müssen für uns selbst endlich Deiche bauen, um diese Fluten in uns einzugrenzen. Die Lügen werden verbreitet, weil sie wirken, weil sie ihre Aufgabe zielsicher erfüllen. Die Welt um uns herum besteht immer aus dem, womit wir uns beschäftigen. Und wir beschäftigen uns auch mit erkannten Lügen, diskutieren über sie, lehnen sie ab oder relativieren sie, und damit erhalten diese ein Fundament, auf dem sie zu wirken vermögen. Diese Fundamente sind die Basis der Einstellungen, die unser Leben steuern. Einstellungen in diesem Sinn wirken wie Schienen, auf denen es nur vorwärts und rückwärts zu rollen geht. Es fehlen der Motor, die Bremsen und die Weichen. Schön zu beobachten ist das bei Moden [6. Kleidung, Musik, Medien]. Nehme ich aber die Angebote nur erst einmal wahr, entscheide ich dann darüber, wenn alle Informationen vorliegen, kann ich weitere Kriterien in die Überlegung einbringen wie „jetzt nicht“, „später“, „zurzeit nicht relevant“, kann ich sozusagen stehenbleiben, seitwärts abtauchen, springen oder sonst etwas bewirken.

In der Praxis bedeutet das, immer wieder zu hinterfragen und diese Frage auch zu für den Moment zumindest zu entscheiden [7. Auch die Entscheidung, sich nicht entscheiden zu wollen ist eine Entscheidung] und dann konsequent seinem Willen zu folgen. Das heißt nicht, sein Leben in einem entweder/oder zu fixieren. Ich kann einer Mode folgen, ich kann es aber auch lassen, ich kann im Winter Erdbeeren essen oder mich für regional erhältliches Obst entscheiden. Ich kann mir ein neues Handy kaufen, ich muss es aber nicht immer dann tun, wenn ein neues den Markt erreicht. Ich pflege mich an den für mich interessanten Notwendigkeiten und Vorlieben zu orientieren. Ein neues Handy gibt es dann, wenn das Bestehende nicht mehr ausreicht. Ich brauche keiner Kleidermode zu folgen, denn ich habe meinen Stil gefunden und der ändert sich für mich nur selten. Und ich esse einfach, was mir schmeckt, und nicht etwa, weil es gesund, selten oder hipp ist. Wenn viele Menschen so handeln, würde sich einiges auf der Welt verbessern: Billige Kleidung aus menschenverachtenden Nähereien würde es dann viel weniger geben, es würden auch weniger Rohstoffe verbraucht und es würde weniger weggeworfen, es gäbe wahrscheinlich sogar gesünderes Essen, und Afrika würde seine Anbauflächen für den eigenen Bedarf bewirtschaften können, um nur einige einfache Beispiele aufzuzählen. Und vielleicht wäre dann auch die eingangs erwähnte Flut auch nicht mehr so extrem, weil es sich nicht lohnte, ihre Inhalte  weiter in die Welt zu setzten. „Das ist eben so“ gibt es nämlich gar nicht so oft. Häufig sind die Möglichkeiten, die zur Wahl stehen, viel vielfältiger als wir es uns erträumen.

Wir alle sind Schöpfer der Welt, in der wir leben. Lasst uns diese Verantwortung wahrnehmen, indem wir grundsätzlich mehr Entscheidungen fällen, statt uns irgendwie von irgendwem auf irgendwas einstellen zu lassen. Seien wir frei, es lohnt sich!